Bauzentrum_2023_06

BAUZENTRUM E-BAU 6 | 2023 10 Bauen mit Holz ein modernes Bürogebäude nicht mehr gerecht wurde. Zu den Instandset- zungsmaßnahmen gehörten unter anderem auch die Neustrukturierung des Gebäudes sowie die Sanierung von Wänden, Decken und Böden. Um auch das Platzangebot zu erweitern, entschied sich der Bauherr jetzt für eine Erweiterung in Form einer Aufstockung. So erhielt der Bestandsbau ein viertes sowie sechstes Geschoss. Da in Münster in der innerstädtischen Lage kaum freie Grundstücke zur Verfügung stehen, entschied man sich für die Nachverdichtung und erhöhte die Kubatur der bereits bestehenden Bebauung. Im Zuge dessen erfolgte auch eine Sanierung des Flachdaches. Leichte Konstruktion vermeidet Aufrüstung der Statik Der Bestandsbau bot gute Voraussetzungen für eine Aufstockung in Holz- bauweise. Das Material ist nicht nur tragfähig und relativ elastisch, son- dern auch leicht. Insbesondere letzteres ist ein Vorteil gegenüber anderen Konstruktionen. Dank des geringen Eigengewichts war eine aufwendige Aufrüstung der Gebäudestatik nicht notwendig. Denn der Bestandsbau weist mit seiner Massivdecke aus Stahlbeton ausreichend Lastreserven auf. Aufkommende Verkehrslasten und die der Baustruktur werden in den da- runterliegenden Geschossen über Stützen abgeleitet. In den Bereichen von Achsversprüngen – zwischen Bestand und Aufstockung – sindWechsel- so- wie Rahmenkonstruktionen verbaut. Letztere dienen darüber hinaus zur Aussteifung. Aufstockung in Holzbauweise Die Tragstruktur der neuen Etage bilden die Brettstapeldecken sowie Brettschichtholzstützen und -unterzüge. Diese werden mit vorgefertigten Außenwänden in Holzrahmenbauweise kombiniert. Bei der Aufstockung des vierten Geschosses wurde die tragende Konstruktion vor die Holzrah- menbauwand montiert. Im Bereich der sechsten Etage wurden die tra- genden Elemente hingegen innerhalb der Holzrahmenbauwände verbaut. Letztere sind nach DIN 4102 feuerbeständig und entsprechen der Feuer- widerstandsklasse F90-B. Die hierbei integrierte Wärmedämmung besteht aus Mineralwolle und entspricht der Wärmeleitfähigkeitsgruppe (WLG) 035. Die Holzrahmenbauwand ist von außen mit 1,5 Zentimeter dicken DHF-Holzfaserplatten beplankt. Diese sind diffusionsoffen und über Nut und Feder miteinander verbunden. Darauf folgt eine sechs Zentimeter dicke Mineralwolle-Schicht, die der Wärmeleitfähigkeitsgruppe 040 zuzu- ordnen ist. Aluminiumverbundplatten in einem rauchsilbermetallic-Ton bilden die äußerste Gebäudehülle. Bei dem Wandaufbau im vierten Ge- schoss sind diese mit einem Abstand von 27,50 Zentimetern zum restli- chen Aufbau montiert. Der Zwischenraum bietet ausreichend Platz für die Luftschicht und Unterkonstruktion für die Befestigung der bekleidenden Fassadenelemente. Sie sindmit Winkeln amHolzrahmenbau befestigt. Die Verbindung zwischen Winkel und Fassadenplatte erfolgte mit Nieten. Fassade: Ein Nest in luftiger Höhe Bei dem Wandaufbau im sechsten Stockwerk hingegen ist die Ebene für die Unterkonstruktion, die auch gleichzeitig Luftschicht ist, lediglich zwölf Zentimeter breit. Denn auf die Aluminiumverbundplatten folgt eine weitere Schicht. Um die Etage optisch zu betonen und Akzente zu setzen, entschieden sich die beteiligten Planer und der Bauherr für eine Gitternetzstruktur, die mit einem Abstand von 50 Zentimetern vorge- setzt wurde. Für die Befestigung wurde ein biegesteifes, auskragendes Fassadenschwert eingeplant. Das dreischichtige Flechtwerk erinnert op- tisch an ein Vogelnest und umhüllt das gesamte sechste Geschoss. Jede Lage ist 35 Millimeter dick und besteht aus Stahlprofilen. Ein einzel- nes Fassadenelement weist ein Format von 2,50 mal 3,70 Metern auf. Die filigrane Netzstruktur lockert die Gebäudekubatur optisch auf und nimmt ihr den monolithischen Eindruck. Sie bildet darüber hinaus ei- nen Kontrast zu den vollflächigen Fassadenelementen, die das übrige Gebäude bekleiden. Sie sind waagerecht sowie im Raster angeordnet und betonen so die vorhandenen Gebäudestrukturen. Genutzt wurden zwei verschiedene Formate, sodass auf die Fluchten und Größe der vor- handenen Fensterbänder eingegangen werden konnte. Flachdach mit Brettsperrholzdecke Bevor die Aufstockung erfolgen konnte, musste das Bestandsdach entspre- chend vorbereitet werden. In diesemZuge fand der Rückbau der vorhande- nen Bitumenabdichtung undWärmedämmung statt. Das Dach der neuen Geschosse wurde wie bereits beim Bestandsbau als Flachdach realisiert. Geplant wurde dieses als Warmdach. Die hier verwendete Brettsperrholz- decke wurde in Sichtqualität ausgeführt und besteht aus Fichtenholz. Zur Temperierung der Räumlichkeiten im vierten Stockwerk befindet sich dort eine Kühldecke. Sie ermöglicht eine gleichmäßige und steuerbare Temperaturverteilung. Der integrierte Wasserkreislauf absorbiert die Wär- mestrahlungen im Raum und sorgt so für ein angenehmes und gesundes Klima. Dabei entsteht keine Zugluft, was daher als besonders angenehm empfundenwird. Von außenwird die Decke von einer 0,02 Zentimeter star- ken PVC-Folie bekleidet. Darauf folgt eine Dämmschicht aus expandierten Polystyrol (EPS) die im Mittel 16 Zentimeter dick ist und der Wärmeleit- fähigkeitsgruppe 035 zuzuordnen ist. Die verbauten Gefälledämmplatten verhelfen zu einer Neigung von zwei Prozent. Anfallendes Wasser wird zur Gebäudemitte geleitet und über die bereits vorhandenen innenliegenden Fallrohre abgeführt. Eine lose verlegte Dampfsperre aus PE-Folie schließt die gesamte Dachkonstruktion ab. Holz – nachhaltig und umweltschonend Die Projektbeteiligten entschieden sich bei der Aufstockung bewusst für die Holzbauweise. Neben den Vorteilen hinsichtlich der Tragfähigkeit und dem hohen Vorfertigungsgrad spielte der Aspekt der Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Denn Holz ist besonders umweltfreundlich. So werden bei der Herstellung und Verarbeitung des Rohstoffes deutlich weniger fossile Energien gebraucht. Durch die Holzbauweise kann zudem langfristig Koh- lenstoffdioxid gespeichert werden. Bei der Realisierung von Holzbaupro- jekten legt Brüninghoff zudembesonderenWert auf die Herkunft des Hol- zes. Im Einkaufsprozess prüft der Projektbauspezialist entsprechend seine Quellen. Daher kam bei diesem Bauvorhaben ausschließlich PEFC-zertifi- ziertes Holz zum Einsatz. Der hierbei verwendete Rohstoff stammt dem- entsprechend nachweislich aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. Der Rohstoff fand bei diesem Bauvorhaben nicht nur Anwendung im Bereich der Konstruktion, sondern kam auch im Innenraum zu Einsatz. Denn Holz schafft nicht nur eine angenehme Atmosphäre, sondern reguliert auch die Luftfeuchtigkeit. Mehr Platz für Büro- und Besprechungsräume Insgesamt wurde mit der Erweiterung des Gebäudekomplexes eine zusätz- liche Fläche von rund 950 Quadratmetern geschaffen. Diese bietet nun Platz für einen Sozialbereich, Besprechungs- sowie Büroräume. Letztere sindmit Glaswänden voneinander abgetrennt und bieten pro Einheit Platz für vier Mitarbeiter. Das Material Holz spielt auch bei der Raumgestaltung eine wichtige Rolle. So kam Stäbchen-Parkett als Bodenbelag zum Einsatz. Dieser wurde auf den schwimmenden Estrich verlegt. Die Entkopplung des Bodenaufbaus erzielt eine trittschalldämmende Wirkung. Störende Geräusche werden so wesentlich reduziert und die Akustik verbessert. Das ermöglicht ein angenehmes und konzentriertes Arbeiten. Insbesondere die Fassade im sechsten Obergeschoss verfügt über einen hohen Glasanteil. Dadurch gelangt viel Licht in das Gebäudeinnere. Auch dies trägt zu einer arbeitsfördernden Atmosphäre bei. Die neuen Fenster sind zweifach ver- glast und verfügen über einen integrierten Sonnenschutz. Die speziellen Scheiben sorgen im Sommer für die Reduzierung von Wärme und sind dabei trotzdem sehr lichtdurchlässig. Weitere Maßnahmen hinsichtlich des Sonnen- und Blendschutzes können bei Bedarf mit den schienenge- führten Raffstoreanlagen aus Aluminium in RAL 7021 ergriffen werden. Die großen Glasfronten eröffnen einen weiten Blick über die Umgebung.

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