Bauzentrum_2021_05

BAUZENTRUM E-BAU 5 | 2021 Beton 11 Die zweigeschossige Bibliothek im 11. und 12. Stockwerk ist gekennzeichnet von den charakteristischen Sichtbeton-Dreiecken. führten zu der Entscheidung, den Provinciehuis-Komplex durch ein neues Gebäude zu ersetzen. Da es in der Antwerpener Innenstadt nur wenige öffentliche Grünflächen gibt, war es Aufgabe des 2011 aus- geschriebenen Wettbewerbs, einen möglichst großen Teil der Fläche künftig als öffentlichen Garten zu gestalten und in den nahe gelege- nen Harmonie Park und Koning Albert Park als durchgehende Na- turinsel einzubinden. Eine weitere Forderung war die Beibehaltung eines in jüngerer Zeit auf dem Areal errichteten Pavillons. Ein Hochhaus mit Spin-Effekt Die Gewinner des Wettbewerbs, das Brüsseler Architekturbüro Xaveer De Geyter Architects (XDGA), machten aus der Komplexität der Wett- bewerbsaufgabe eine Tugend, indem sie das neue Provinzgebäude als skulpturales Gebäude mit einer charakteristischen Torsion entwarfen, das den zu erhaltenden Pavillon stützenfrei als Brücke überspannt und gleichzeitig die neu geschaffene durchgängige Parklandschaft in einen Vor- und Hintergarten teilt. Da die Stadt Antwerpen im Laufe des wei- teren Entwicklungsprozesses auf den Erhalt des Pavillongebäudes ver- zichtete, ersetzten XDGA dieses durch ein verglastes Kongressgebäude, das unter dem neuen Gebäude platziert ist. Um eine Verschattung der Nachbargebäude durch das neue, 15-geschossige und 59 Meter hohe Provinciehuis zu verhindern, entschied sich XDGA, das Volumen über acht Etagen nach Süden hin ausschwingen zu lassen, mit der Nord- westecke als Drehachse. Jede Etage, von +3 bis +10, dreht sich ein we- nig weiter zurück. Gleichzeitig wird die Breite der Etagen um einen Bruchteil reduziert, so dass die resultierende Gesamtfläche genau dem vorgegebenen Bedarf von 27.300 m² entspricht. Dieser Spin-Effekt ist dramatisch: Das neue Gebäude windet sich buchstäblich in die Höhe, es trotzt als monochromes weißes Volumen der Schwerkraft. Die zentralen Kerne sind durch die Verwendung von schwarz eingefärbtem Beton gekennzeichnet. 683 dreieckige Fenster Das Gebäude ist als Brückenbauwerk über und durch den Pavillon konzipiert. In der Mitte des Grundrisses spannt sich ein großer Fach- werkbinder aus Stahl von einem Kern zum anderen. Zwei weitere Fachwerkbinder sind in die Betonseitenwände integriert. Die Diagonalstreben dieser beiden Fachwerkträger geben die Grund- struktur der Fassade vor: eine Aneinanderreihung von Dreiecken, die engbündig jeweils abwechselnd auf ihrer Spitze und auf ihrem Schen- kel stehen. Die auf der Spitze stehenden Dreiecke werden als Fenster- öffnungen genutzt, die auf dem Schenkel stehenden Dreiecke beste- hen aus Beton und bilden ein die gesamte Fassade tragendes System. Die Form der 683 auf der Spitze stehenden Fenster erweist sich inso- fern als besonders energieeffizient, als die nach oben hin erweiterten Öffnungen mehr Tageslicht bis tief in die Räume fallen lassen als rechteckige Fenster mit gleicher Fläche. Die hohe Position der Fenster bis zu den Decken hin unterstützt diesen Effekt. Die auf dem Schenkel stehenden Betondreiecke wurden auf der Bau- stelle als Ortbeton verbaut. Besondere Herausforderung beim Einbau dieser 35 cm dicken Betondreiecke war, dass keines dieser Dreiecke dem anderen gleicht. Durch die Torsion der Fassade bedingt verfügt je- des der verbauten Dreiecke über eine eigene Form. Erst ein speziell ent- wickeltes Schalungssystem, mittels dessen die jeweiligen dreidimen- sionalen Krümmungen eines jeden Dreiecks berücksichtigt werden konnten, ermöglichte den Einbau des Konstruktionsbetons vor Ort. Der Beton wurde beim Provinciehuis in drei verschiedenen Farbnuan- cen verbaut: als grauer, normaler Sichtbeton für die technischen Räu- me und die Tiefgarage, als schwarzer Sichtbeton für die beiden verti- kalen Betonkerne mit Aufzügen und Treppenhäusern und als heller Sichtbeton für die nach innen hin nicht verkleideten charakteristi- schen Sichtbeton-Dreiecke sowie die Raumdecken. Zur Außenseite hin wurden die Betondreiecke mit einer Isolierung sowie mit speziellen Putzträgerplatten verkleidet, die aus einem Kern aus Portlandzement und Zuschlagstoffen bestehen und beidseitig mit einem Glasgittergewebe armiert sind. In die Oberflächen dieser Platten wurden ca. 10 Millionen kleine, kreisrunde, weiße Glasmosaiksteine eingelassen, wodurch der Fassade eine helle, feine Haptik verliehen wird. Die Fenster sind darin perfekt bündig eingepasst und verleihen dem Gebäude die charakteristische, abstrakt anmutende glatte mono- lithische Gestalt. Nonplusultra in puncto Nachhaltigkeit Das neue Verwaltungs- und Kongressgebäude beherbergt im unte- ren Teil neben einem Auditorium und dem Ratssaal der Provinzre- gierung einen großen Veranstaltungs- und Ausstellungsraum, im zweiten Obergeschoss ein Restaurant mit einer großen Terrasse. In den höher gelegenen Geschossen befinden sich Büroräume, in den obersten Etagen die der Provinzregierung sowie ein zweigeschossiger Bibliotheksraum. Das Provinzhaus ist nach BREEAM, dem Bewertungssystem für ökolo- gische und soziokulturelle Aspekte der Nachhaltigkeit von Gebäuden, als „Excellent“ zertifiziert und das Nonplusultra in puncto Nachhal- tigkeit.

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